2016 - Meg Rosoff

Meg Rosoff

Empfängerin des Astrid-Lindgren-Gedächtnispreises für Literatur 2016

Die Jugendbücher von Meg Rosoff sprechen Herz und Verstand gleichermaßen an. In einer funkensprühenden Prosa schreibt sie über die menschliche Sinn- und Identitätssuche in einer seltsamen und bizarr anmutenden Welt. Ihr Werk lässt ihre Leser niemals unberührt. Keines ihrer wagemutigen und zugleich humorvollen Bücher gleicht dem anderen.

Begründung der Jury

Die Jugendromane von Meg Rosoff reihen existenzielle Geschichten aneinander, in denen Werte und Normen, Ideen und Überzeugungen ständig in Frage gestellt werden und einer permanenten Wandlung unterliegen. Ihr Schreiben ist in höchstem Maße transformativ. Die Frage „Was wäre wenn“ („What if“) ist Realität und Gedankenexperiment zugleich. Als Jugendbuchautorin nähert sich Meg Rosoff jungen Menschen auf einzigartige Weise: respektvoll und gleichzeitig kritisch, eindringlich, aber auch humorvoll.

Meg Rosoffs erster Roman How I Live now (2004, So lebe ich jetzt) ist eine erschütternde Schilderung von Krieg und Liebe aus jugendlicher Perspektive. Das Buch lässt sich als dystopische Action-Geschichte sowie als Roman über eine junge und herausfordernde Liebe zwischen Cousin und Cousine lesen – einer der beiden Protagonisten ist sogar erst vierzehn Jahre alt. Die Grenzen des in einem Jugendbuch Erzählbaren werden dabei gesprengt. Die fünfzehnjährige Daisy aus New York besucht in den Sommerferien ihre Verwandten in England. Als plötzlich ein Krieg ausbricht, müssen sie, ihre Cousinen und Cousins sich ohne die Hilfe von Erwachsenen durchs Leben schlagen. Inmitten von allem Wahnsinn und Chaos bleibt keine Zeit zum Innehalten. Oder wie Daisy es formuliert: „Wenn ihr noch keinen Krieg erlebt habt und euch fragt, wie lange es wohl dauert, bis man sich daran gewöhnt, alles zu verlieren, was man braucht oder liebt, dann kann ich euch nur sagen Es geht rasend schnell.“ Wie bleibt man dem Leben verbunden, wenn alles um einen herum zusammenbricht? Der Roman gibt darauf keine einfachen Antworten. Daisy zahlt einen hohen Preis für ihr 2 Überleben. Gleichzeitig erlangt sie Selbsterkenntnis und entdeckt, was das Leben lebenswert macht.

Mit dem Erstlingswerk How I Live now hat Meg Rosoff ihren literarischen Durchbruch geschafft. Für die Entwicklung des Jugendromans war dieses Buch von großer Bedeutung. Bis heute hat die Autorin sieben Jugendromane, einige Bilderbücher und einen Roman für Erwachsene veröffentlicht. Die Bücher, die auf dieses Debüt folgten, sind sehr unterschiedlich. In einem aber gleichen sie sich durchweg: in der überraschenden, drastischen und emotionalen Erzählweise. In einer funkensprühenden Prosa gestaltet Meg Rosoff unvergessliche Romanfiguren, die das schwierige Grenzland zwischen Kindheit und Erwachsendasein bevölkern. Die Umstände sind mitunter beschwerlich, teilweise sogar erschreckend. Doch die Geschichten erzählen auch von der fragilen Schönheit der Liebe, von Empathie und absoluter Treue.

Auch im zweiten Roman Just in Case (2006, Was wäre wenn), der mit der Carnegie Medal ausgezeichnet wurde, geht es um einen orientierungslosen Teenager. Der fünfzehnjährige David Case kämpft mit dem neu gewonnenen Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit. Um das Schicksal zu betrügen, beschließt er, seine Identität zu wechseln. Er nennt sich Justin und ändert seinen Lebensstil. Dabei verliert er sich jedoch selbst aus den Augen. Mit Humor und einer Portion Düsternis schildert Meg Rosoff, wie Justins Identitätskrise von seiner Außenwelt falsch verstanden wird und die ihn zu jemandem machen will, der er nicht ist. Der Roman wird – den Hirnwindungen Justins folgend – als Bewusstseinsstrom erzählt, dem der Leser nicht entrinnen kann. Wie Holden Caulfield in J. D. Salingers Klassiker Catcher in the Rye (1951) hat Justin deutliche Schwierigkeiten mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit. So hört er nicht nur die Stimme des Schicksals, sondern wird auch noch von einem imaginären Hund begleitet.

In Meg Rosoffs Werk stehen Fragen zu Körper, Identität und Gender, Verlust und Erinnerung im Mittelpunkt. Ihr dritter, in Retrospektive geschriebener Roman What I was (2007, Damals, das Meer) ist reine Erinnerungsprosa. Die komplexe Geschichte handelt von Freundschaft, Liebe und Emanzipation, von einem dunklen Punkt in der Vergangenheit und schwierigen Lebensentscheidungen. Sie spielt in den 1960er Jahren in einer suggestiv versinkenden Küstenlandschaft, die die Grenzübergänge spiegelt, die der Roman in Szene setzt. In dieser kargen Region findet sich der sechzehnjährige Erzähler in einem Internat für Jungen wieder, nachdem er zuvor von zwei anderen Internaten relegiert worden war. Sein Vater verlangt von ihm, sich anzustrengen und ein Mann zu werden, während der Protagonist es bislang noch nicht einmal geschafft hat, ein Junge zu sein, der den Mittelschichtserwartungen seiner Familie und des Internats entspricht, d.h. beliebt, intelligent und sportlich zu sein. Er findet einen Weg aus der vorgezeichneten Zukunft, als er Finn begegnet. Dieser Junge lebt allein in einem kleinen Haus am Meer. In Finn erkennt er sein Ideal. Doch seine fesselnde Liebe hat dramatische Folgen und macht ihn blind dafür, wer Finn wirklich ist.

Meg Rosoff agiert narrativ besonders geschickt und überrascht mit vielen Perspektiven sowie Wendungen. Sie schreibt in bekannten literarischen Gattungen und Erzähltraditionen, nutzt diese aber ganz frei zu eigenen Zwecken. Beredtes Beispiel dafür ist ihre historische Erzählung The Bride's Farewell (2009, Davon, frei zu sein), die in der hügeligen englischen Landschaft der Salisbury-Ebene spielt und an die Romane des viktorianischen Zeitalters von Autoren wie Thomas Hardy anzuknüpfen scheint. Meg Rosoff gestaltet diesen Roman als ergreifende Geschichte von Pell, die dem Leben einer armen, verheirateten, hart arbeitenden und permanent gebärenden Frau entkommen, den Konventionen trotzen und ein selbstbestimmtes Leben führen will. Doch in diesem Roman wird kein vereinfachtes und romantisierendes Bild weiblicher Emanzipation gezeichnet. Pells Entscheidung bedeutet auch, schwere Opfer zu bringen und für die zu kämpfen, die sie liebt.

Mit There is no Dog (2011, Oh. Mein. Gott.) fordert Meg Rosoff ihre Leser stark heraus. In dieser Schöpfungssatire wird Gott als hormongesteuerter gefühlslabiler Halbwüchsiger namens Bob skizziert. Die Krone seiner Schöpfung sind für Bob hübsche Mädchen. Doch jede seiner Verliebtheiten führt zu schweren Naturkatastrophen auf der Erde, die seine Gefühlsschwankungen widerspiegeln. Die irdisch-unbeschwerte Lucy ahnt so lange nichts von Bobs Existenz, bis er ihrer gewahr wird und die Klimakatastrophe ihren Lauf nimmt. Meg Rosoff geht in diesem Roman humoristisch in die Vollen. Sie spannt einen erstaunlichen personellen Bogen, der vom erschöpften Assistenten Mr. B. bis zum seltsamen Tier Eck reicht. Meg Rosoff beschreibt ungehemmt die Verwirrungen der Verliebtheit sowie jugendliche Lust und Sexualität. Die Welt mag ein chaotischer Ort voller Katastrophen sein, aber sie ist immer noch ein Platz für Glück und das eine oder andere Wunder.

Meg Rosoffs psychologische Darstellung ist manchmal messerscharf, wie z.B. in Picture me Gone (2013, Was ich weiß von dir). Dieser Roman stellt Mila, ihren Vater Gil und Matthew, den spurlos verschwundenen Freund des Vaters, einander gegenüber. Matthew trägt dabei Godotsche Züge. Alle sprechen über ihn, er aber ist nicht zu fassen. Picture me Gone ist ein philosophischer Krimi, dessen Geheimnis in der (Un-)Fähigkeit besteht, einen anderen Menschen wirklich zu verstehen, aber auch darin, wie sich die Wirklichkeit und Wahrnehmung von Menschen ändern können. Mila besitzt die Sensibilität und das Gespür dafür, Stimmungen und Gedanken anderer Menschen zu lesen. Die Komplexität des Erwachsenenlebens und der Verrat der Erwachsenen treffen sie mit aller Wucht. Das ist schmerzhaft. Die Erkenntnis, dass nicht immer alle Dinge so aussehen, wie sie zu sein scheinen, befähigt Mila jedoch dazu, das Wesen echter Freundschaft und wahrer Liebe in all ihrer Vielschichtigkeit zu erkennen.

In den Büchern von Meg Rosoff gleiten Wirklichkeit und Übernatürliches ineinander. Dabei verschwimmen hin und wieder die Grenzen zwischen Mensch und Tier. Zahlreiche Hunde kommen in ihren Erzählungen vor; z.B. imaginäre wie in Just in Case oder ganz reale wie im neuesten Erwachsenenroman Jonathan Unleashed (2016), in dem der junge erwachsene Protagonist seine Orientierungslosigkeit dadurch überwindet, dass er sich um die Hunde seines Bruders kümmert. Jonathan hat keine Ahnung, was es bedeutet, erwachsen zu sein, doch die Hunde bringen ihn auf die richtige Fährte. In anderen Büchern geht es darum, die Welt mit den Augen eines Tieres zu betrachten. Wie z.B. im Falle Justins, der in einem entscheidenden Moment zu einem Kaninchen wird. Meg Rosoff huldigt den starken und liebevollen Beziehungen, die zwischen Mensch und Tier entstehen können. Zwei Hunde und eine Ziege folgen Daisy, ihren Cousins und Cousinen, Pell liebt und versteht Pferde, Mila ist nach einem Hund benannt. Am verrücktesten geht es jedoch in Vamoose! (2010) zu. Dieser später als Moose Baby (2013) wiederveröffentlichte Roman handelt von einer TeenagerSchwangerschaft. Jess und Nick müssen nicht nur mit ihrer unverhofften Elternschaft zurechtkommen, sondern auch damit, dass es sich bei ihrem Baby um ein etwa 10 kg schweres Elchbaby handelt.

Meg Rosoff schreibt offen über die Suche der Menschen nach Sinn und Identität in einer merkwürdigen, widersprüchlichen und manchmal geradezu bizarren Welt. Sie variiert die großen Fragen des Lebens, ohne sich um Gender- oder Altersgrenzen zu scheren. Nervenzusammenbrüche und Psychosen werden subtil geschildert. Keines ihrer Bücher gleicht dem anderen. Das schriftstellerische Werk spricht Herz und Verstand gleichermaßen an. Die Emotionalität, philosophische Tiefe und die irrwitzigen Intrigen in den Büchern sprechen die Leser direkt an.

Meg Rosoff studierte an der Harvard University und an der St Martin’s School of Art and Design in London. Vor ihrem Debüt im Alter von 47 Jahren war sie im Verlagswesen und in der Werbebranche tätig. Sie wurde 1956 in Boston, USA geboren und lebt seit langem in London. Die Bücher von Meg Rosoff wurden in rund zwanzig Sprachen übersetzt. Die Autorin wurde mehrfach für ihr literarisches Werk ausgezeichnet. 2014 wurde sie in die Royal Society of Literature aufgenommen.

Quelle: alma.se