2014 - Barbro Lindgren

Barbro Lindgren

Die Empfängerin des Astrid-LindgrenGedächtnispreises für Literatur 2014

Barbro Lindgren ist eine literarische Wegbereiterin. Sie hat mit sprachlicher Kühnheit und psychologischem Gespür nicht nur das Bilderbuch für die Allerkleinsten, sondern auch die absurde Prosaerzählung, das existenzielle Kindergedicht und die realistische Darstellung der Jugend modernisiert. Mit perfektem Einfühlungsvermögen gestaltet sie lichte Glücksmomente und lustige Streiche ebenso wie die düsteren Augenblicke sowie Geheimnisse des Lebens und scheut auch nicht vor dem Thema Tod zurück.

Begründung der Jury

Zur Palette der 1937 geborenen schwedischen Schriftstellerin zählen nicht nur kreative und vielfältige Bilderbücher für die Allerjüngsten, sondern auch Kinderlyrik, Theaterstücke, realistische Jugenddarstellungen sowie absurde Erzählungen. Ihr schriftstellerisches Schaffen umfasst mehr als einhundert Werke, die in rund dreißig Sprachen übersetzt wurden. Zum literarischen Repertoire von Barbro Lindgren gehören auch mehrere Bücher für Erwachsene.

Barbro Lindgren hat zunächst eine solide künstlerische Ausbildung genossen und wollte ursprünglich bildende Künstlerin werden. Bereits frühzeitig entdeckte sie jedoch ihr erzählerisches Talent. Ihr erstes Kinderbuch Mattias sommar (Ole, Pelle und Brötchen) erschien 1965. Zuerst bebilderte sie ihre Bücher selbst. Erst Anfang der 1970er Jahre begann sie, mit anderen Illustratoren zusammenzuarbeiten. In Mattias sommar, dem zwei weitere Fortsetzungen folgten, schildert sie die alltäglichen Begebenheiten eines kleinen fünfjährigen Jungen, der den Sommer in der Stadt verbringt und sich mit seinen Freunden auf allerlei abenteuerliche Streifzüge begibt. Zu den originellen Ideen dieses Buchs zählt u.a. der Versuch dieses kleinen Abenteurers, seine jüngere Schwester zu verkaufen und zur Großmutter auszubüxen.

In den 1970er Jahren widmet sich Barbro Lindgren mit zwei autobiographischen Trilogien verstärkt einer realistischen Erzählweise. Die erste Trilogie umfasst die Tagebuchromane Jättehemligt (Barbro-streng geheim), Världshemligt (Weltgeheminis) und Bladen brinner (Die Blätter sind auf Feuer, 1971-1973, illustriert von Olof Landström/ Barbro Lindgren). 2 Darin beschreibt sie ihr eigenes Leben vom zehnten bis zum Ende des fünfzehnten Lebensjahres. Die erste Liebe wird darin genauso geschildert wie Gedanken zu großen Lebensfragen anklingen und der Alltag mit Freunden und Schulaufgaben beschrieben wird. Im ersten Buch spielt die längerwährende Depression der Hauptperson eine wesentliche Rolle. Der Tod ist allgegenwärtig.

In der zweiten autobiographischen Reihe dreht sich alles um Sparvel, die in Lilla Sparvel (Die kleine Sparvel, 1976) zunächst vier Jahre alt ist und im dritten und letzten Teil Bara Sparvel (Einfach nur Sparvel, 1979) in die Schule kommt. In ihren Büchern beweist Barbro Lindgren die unnachahmliche Kunst, Gefühlsregungen erneut zu entfachen und zu beschreiben. Sparvel hat Angst vor dem Tod, scheut jedoch keineswegs die Begegnung mit andersartigen Menschen. Das zweite Buch dieser Trilogie Stora Sparvel (Die große Sparvel, 1977) handelt von der Freundschaft zu einem psychisch Kranken. Die Illustrationen dieser Bücher lieferten ihre Söhne Andreas und Mathias Lindgren.

Mit der Veröffentlichung von Loranga, Masarin och Dartanjang (Loranga, Lollipop und lauter Tiger, 1969, illustriert von Barbro Lindgren) und der nachfolgenden Geschichte Loranga, Loranga, die im Jahr darauf erschien, nahm ihr Schaffen eine neue Wendung. Die seltsame Personnage dieser Bücher besteht aus Papa Loranga, der orangefarbene Bekleidung über alles liebt und mit einem Teewärmer auf dem Kopf herumspaziert, seinem Sohn Masarin (dt. Lollipop), der mit Wecken und Liebe großgezogen wird, dessen Großvater Dartanjang, der jeden Tag mit einer neuen Identität aus seinem Holzschuppen heraustritt, und dem Urgroßvater, der auf einem Baum lebt, Vogelfutter isst und glaubt, er sei ein Kuckuck. Sie alle leben sorgenfrei und gänzlich ohne Regeln oder Normen in einer überaus großzügigen Welt, in der sogar der Dieb Gustav alles behalten darf, was er stiehlt. In diesen absurden Geschichten, in denen alles möglich scheint, ist selbst eine Garage voller Tiger keine wirkliche Überraschung mehr.

In den 1970er Jahren wurde das literarische Schaffen von Barbro Lindgren immer vielfältiger. Die Gedichtsammlung Gröngölingen är på väg (Der Grünspecht ist unterwegs, Illustrationen von Katarina Olausson Säll) wurde 1974 veröffentlicht und zählt zu ihren beliebtesten. Darin entpuppt sich das scheinbar Einfache als zutiefst philosophisch und spricht Kinder direkt an. Insgesamt schrieb Barbro Lindgren ein halbes Dutzend Gedichtsammlungen für Kinder. Zahlreiche ihrer Gedichte wurden später vertont. Mehrere ihrer Werke wurden auch für das Theater und die Oper dramatisiert. Bereits 1975 erschien Barbros pjäser för barn och andra (Barbros Theaterstücke für Kinder und andere).

Ihre langjährige Zusammenarbeit mit der Illustratorin Eva Eriksson begann mit dem Buch Sagan om den lilla farbrorn (Die Geschichte vom kleinen Onkel, 1979). Dieses Buch war eines der ersten einer umfangreichen Buchreihe für die Allerjüngsten. Darin begegnen uns Figuren, auf die Barbro Lindgren auch später noch zurückgreift: ein einsamer Onkel und ein liebenswürdiger Hund. In dieser etwas traurigen Geschichte einer Freundschaft erlöst der Hund mit seiner kalten Nase den kleinen Onkel aus seinem einsamen Dasein.

Zu einer weiteren Zusammenarbeit mit Eva Eriksson kam es bei Mamman och den vilda bebin (Mutters wildes Hänschen, 1980), zu dem sich schon bald zahlreiche weitere Nachfolger gesellten. In diesen Büchern geht es um eine Mutter und ihren wilden kleinen Jungen, der mal eben oben an der Deckenleuchte hängt, ein Bad in der Toilette nimmt oder aber in den Wald ausrückt. Dieser kleine Held tut all das, was Kinder eigentlich nicht dürfen und ist eine wirkliche Herausforderung für seine Mutter. Barbro Lindgrens originelle Reime unterstreichen die humorvollen Bilder, genauso wie die Illustrationen ihre Worte kongenial untermalen.

Ihre Bücher über das wilde Babywaren ein Riesenerfolg. Ihren größten Durchbruch feierte Barbro Lindgren jedoch in den 1980er Jahren mit der langen Bücherreihe über den kleinen Max, die ebenfalls von Eva Eriksson bebildert wurde. Dieser Bücherreigen wurde mit Max bil (Max und das Auto), Max kaka (Max und der Keks) und Max nalle (Max und der Teddy) eröffnet, die alle 1981 erschienen. Diese kleinen Geschichten sind genial in ihrer humorvollen Einfachheit. Dabei handelt es sich um eine neue Art von Bilderbüchern für die Allerjüngsten, in denen eine dramatische Geschichte aus Sicht des kleinen Kindes erzählt wird; und zwar in einer Sprache, die so ausgeklügelt fragmentarisch ist, dass einige Pädagogen darauf sogar mit Protest reagierten. Auch hier stellt Barbro Lindgren wieder ihr augenscheinliches Fingerspitzengefühl unter Beweis: Sie spricht nicht nur mit der Stimme des kleinen Kindes, sondern nimmt die Welt auch konsequent aus der Sicht des Kindes wahr.

Nach acht Büchern wollte Barbro Lindgren die Reihe beenden. So erschien 1991 Titta Max grav! (Hier ist Max’ Grab), in dem sie den kleinen Max aufwachsen, heiraten, Vater werden, sich scheiden und schließlich sterben lässt. Doch alles half nichts. Drei Jahre später erweckte sie Max in zwei weiteren Büchern erneut zum Leben.

Das Bilderbuch Stora syster Lille bror (Große Schwester und Kleiner Bruder gehen in die Welt, 1992, illustriert von Eva Eriksson) handelt von zwei Geschwistern, die völlig auf sich allein gestellt scheinen. Weder tauchen Eltern auf, noch werden die Namen der Kinder verraten. Jeden Abend fängt der kleine Bruder an zu weinen und die große Schwester muss ihn daraufhin trösten. Mithilfe netter Nachbarn erreicht der kleine Bruder stets, was er will. Mit warmem und humorvollem Ton wird die Geschichte von der großen Schwester und dem kleinen Bruder, der existenziellen Einsamkeit von Menschen und unserem Bedürfnis nach Geborgenheit verhandelt. Dieses Thema wiederholt sich auch in Andrejs längtan (Andrejs Sehnsucht, 1997, illustriert von Eva Eriksson), in dem zwei kleine Brüder aus einem Waisenhaus in St. Petersburg fliehen, um sich auf die Suche nach ihrer Mutter zu begeben.

Barbro Lindgren ist eine originelle Erzählerin, die ihrer Vorliebe für das Absurde in mehreren Büchern Ausdruck verleiht und dies nachhaltig vertieft. Die drei Kinderbücher über das Leben in Barnhans Land – Vems lilla mössa flyger (Wessen kleine Mütze fliegt, 1987), Korken flyger (Der Kork fliegt, 1990) und Vad lever man för (Wofür lebt man, 2006) – zählen nicht umsonst zu ihren eigensinnigsten. Unter den Hauptfiguren befinden sich u.a. ein alter zerrissener Plüschhund, der kurz davor steht, sein Augenlicht zu verlieren, ein kahler Teddybär, ein Elefant und eine russische Bisamratte. Darüber hinaus sind ein Champagnerkorken, eine Steinkugel und ein Gummiaffe mit von der Partie. Wehmut, Leid und Melancholie werden aufgefangen von einer lebendigen Sprache und einem zurückhaltenden Humor. Aus dem ramponierten Elefanten rinnt Sägemehl. Im letzten Teil wohnen wir sogar seiner Beerdigung bei. Doch nachdem er wieder ausgestopft ist, erwacht er zu neuem Leben. Mehr denn je bewegt sich Barbro Lindgren hier an der Grenze zwischen ausgelassener Heiterkeit und tiefem Ernst. Mit gekonnter Treffsicherheit wird selbst eine Beerdigung zu einem fröhlichen Ereignis.

Ihre beiden letzten Bilderbücher erschienen 2013. In Vi leker att vi är pippifåglar (Wir spielen, dass wir Piepvögel sind, bebildert von Camilla Engman) geht es um fliegende Jungen, die sich kraft ihrer blühenden Phantasie aus abenteuerlichen Situationen retten. In Här är den lilla gården (Hier ist der kleine Bauernhof, mit Illustrationen von Eva Eriksson) begegnen uns ein Schwein, das von Torten träumt, sowie ein philosophierendes Pferd unter einem Birnbaum – also eine Darstellung, die rein gar nichts mit einem herkömmlichen Bauernhof gemein hat. Tiere mit ausgeprägten Charakterzügen und erstaunlichen Persönlichkeiten gehören zum Standardrepertoire ihrer Werke. Ihr Bullterrier Rosa wurde in den 1990er Jahren gar mit einer eigenen Bücherreihe und der Gedichtsammlung Rosas sånger (Rosas Lieder, 2006) bedacht. Besonders beliebt und vielfach übersetzt sind die drei Bücher vom kleinen Schwein Benny (Illustrationen von Olof Landström). In ihrem an eine erwachsene Leserschaft gerichteten Buch Att älska ett djur hade länge varit min dröm (Ein Tier zu lieben, war lange mein Traum, 2010) beschreibt sie ihre Beziehung zu unseren gängigsten Haustieren genauso wie die zu Schnecken, Ameisen und Spinnen.

Barbro Lindgren besitzt die seltene Gabe, sich in die Kinderseele einzufühlen und dies anschaulich zu vermitteln. Mit einem besonderen Gespür für Stimmungen und Gefühlszustände ausgestattet, gestaltet sie ihre Erzählungen so wahrhaftig und einfühlsam, dass sie mitunter eine schmerzliche Kraft ausstrahlen. Ihr Werk überspannt eine thematische und sprachliche Bandbreite, wie es nur wenigen vergönnt ist. Dabei vertraut sie ganz auf die Fähigkeit des Lesers, das zu erkennen, was sich unter der Oberfläche verbirgt. Mit scheinbar einfachen Mitteln und einer großen Wärme schildert Barbro Lindgren Charaktere, die einem noch lange nach dem Lesen in lebhafter Erinnerung bleiben.

Neben den o.g. Illustratoren hat Barbro Lindgren auch mit Kjell Ivan Andersson, Magnus Bard, Fibben Hald, Anna Höglund, Dan Jonsson, Pija Lindenbaum, Sven Nordqvist, Rita Rapp-Lennmor, Madeleine Pyk, Charlotte Ramel, Monica Schulz, Anna-Clara Tidholm und Cecilia Torudd zusammengearbeitet.

Quelle: alma.se