2013 - Isol

Isol

Die Empfängerin des Astrid-LindgrenGedächtnispreises für Literatur 2013

Isol schafft Bilderbücher auf Augenhöhe des Kindes. Ihre Bilder sprühen vor Energie und explosiven Gefühlen. Mit zurückhaltender Farbpalette und stetig neuen Bildlösungen erweitert sie gewohnte Bildhorizonte und sprengt die Grenzen des Bilderbuchmediums. Ausgehend von der klaren Sicht der Kinder auf unsere Welt verleiht sie ihren Fragen drastisch Ausdruck und beantwortet sie offen. Mit befreiendem Humor und Leichtigkeit beschreibt sie die dunkleren Seiten des Daseins.

Begründung der Jury

Isol aus Argentinien ist eine Bilderbuchkünstlerin, Comic-Zeichnerin, Malerin, Grafikerin, Lyrikerin, Sängerin und Komponistin. Sie wurde 1972 als Marisol Misenta in eine Akademikerfamilie in Buenos Aires hineingeboren. Dort lebt sie noch heute mit ihrem Mann und ihrem einjährigen Sohn. Sich selbst beschreibt sie als ein permanent lesendes und schreibendes Kind, das von den besten Büchern sowie argentinischen Künstler- und Avantgarde-Comics umgeben war. Ihr Großvater schrieb Comic-Texte, während ihr Bruder Federico sich ganz der Musik widmete.

Isol begann ihre künstlerische Laufbahn an der Escuela Nacional de Belles Artes, ”Rogelio Yrurtia”, mit der Ausbildung zur Kunstlehrerin. Danach studierte sie einige Jahre an der Kunsthochschule von Buenos Aires. Allmählich schlichen sich Texte in ihre Zeichnungen, die sie selbst als Epigrafen, Inschriften oder Wahlsprüche bezeichnet. Sie erkannte, dass sie einen Weg finden musste, ihre Texte mit ihren Zeichnungen zu verknüpfen. Das Interesse an diesen Bilderzählungen kam ihr sehr zugute, als sie für die Tagespresse Karikaturen zu zeichnen begann.

Im Jahr 1997 reichte sie ihr erstes Bilderbuchmanuskript, Vida de perros, bei einem Bilderbuchwettbewerb in Mexiko ein. Im Fax eines Jury-Mitglieds hieß es, dass sie leider 2 nicht gewinnen kann, da ihre Zeichnungen zu eigentümlich seien. Doch dem betreffenden Jurymitglied Daniel Goldin, Verleger des großen Verlags Fondo de Cultura Económica, gefiel ihr Buch sehr. Isol wurde unter der Voraussetzung eine Veröffentlichung zugesagt, dass sie ihre Zeichnungen leicht modifiziert. ”Die Augen waren wohl zu psychotisch und ich sollte das Grinsen etwas zurücknehmen”, erklärte sie später.

Isol wollte jedoch nichts ändern und schrieb eine fünfseitige theoretische Erklärung zu ihren Bildern. Das Buch wurde beim Wettbewerb lobend erwähnt und im Anschluss nahezu unbearbeitet veröffentlicht. Bereits in ihrem Debütwerk finden sich viele Aspekte ihres späteren künstlerischen Schaffens.

Vida de perros war der Auftakt einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Verlag Fondo de Cultura Económica. Sie führte dazu, dass Isol die meisten ihrer Bücher rund elf Flugstunden entfernt von ihrer Heimat Buenos Aires verlegt. Nach ihrem Erstlingswerk folgten rasch hintereinander zahlreiche eigene Bilderbücher im gleichen expressiven Stil.

Als Bilderzählerin arbeitet Isol auf Augenhöhe des Kindes. Ihren jungen Lesern verhält sie sich loyal gegenüber. Ihre Werke durchzieht eine gerade und konsequente Linie aus Energie und Zuversicht. Sie ist zum einen explosiv, andererseits expressiv und kommt niemals zur Ruhe. Diese Zuversicht vermittelt sich den Kindern bei der Begegnung mit ihr in der Erzählung. Ihr künstlerisches Schaffen überschreitet die Grenzen zu Bildkunst, Musik, Design und Lyrik, was in ihren Büchern Widerhall findet.

Isol vereint in ihrem Werk Drastisches, Fröhliches und Unvorhersehbares, Humor sowie die Fähigkeit, Bilderzählungen mit überraschenden Wendungen zu schaffen.

Im leicht absurden El Globo (2002) verwandelt sich die wütende, schreiende Mutter in einen Ballon, den die Tochter an einer Schnur spazieren führen kann. Sie trifft ein anderes Mädchen mit deren Mutter: ”Was für ein schöner Ballon!” sagt das Mädchen. ”Was für eine tolle Mutter!” antwortet die Tochter. Als sie sich wieder trennen, denkt jede für sich: ”Nun ja, man kann nicht alles haben ...”

Diese Erzählung ist ziemlich kontrovers, gibt Isol zu, aber sie lässt sich auf mehreren Ebenen als eine befreiende Geschichte erleben. Gleiches gilt für den Jungen Petit, in Petit, el monstruo (2007), dem sich die Dichotomien des Erwachsenendaseins nicht erschließen: Wie um alles in der Welt ist es möglich, dass Erwachsene einen als lieb und nett empfinden, um einen im nächsten Moment für nahezu dasselbe Verhalten auzuschimpfen? Doppelkonturen und Schatten untersteichen diese Zweideutigkeit in ganz raffinierter Manier. Beziehungen zu Müttern und Familiengeheimnisse durchziehen ihr gesamtes schriftstellerisches Werk wie ein roter Faden, wie z.B. in Secreto de familia (2003). Das Kind entdeckt, dass selbst seine Freunde zu verschleiern versuchen, was zuhause mit Mama eigentlich passiert, wenn keiner da ist. In La bella Griselda (2010) wird die tödliche Schönheit thematisiert. Ein grausames und dennoch humorvolles Märchen über eine Schar von Freiern, die für die bezaubernde Prinzessin Griselda buchstäblich ihren Kopf verlieren. Eines Tages trifft sie bei ihrer Tochter, einer ebenso bezaubernden kleinen Prinzessin, dasselbe Schicksal.

Der ebenfalls aus Argentinien stammende Dichter Jorge Luján, der allerdings in Mexiko lebt, schlug Isol schon frühzeitig vor, seine Texte zu illustrieren. Diese Zusammenarbeit resultierte in einer ganz besonderen Reihe: Equis y Zeta, die seit 2000 herausgegeben wird. In dieser hat sie zu ihrer dünnen, etwas neurotischen und gebrochenen Strichführung, ihrer dezenten Farbgebung und ihrem reduzierten Stil gefunden. Eine Herangehensweise, die sie in den gemeinsamen und ihren eigenen Bilderbüchern weiterentwickelt hat. Bereits hier ist das erkennbar, was für Isols künstlerisches Schaffen prägend ist: ein expressiver bisweilen sogar explosiver Stil mit einer gedämpften Farbskala, doppelten Konturen und einem bewusst nicht passgenauen Farbdruck des Motivs, einem Phänomen, das in der Grafik entstehen kann und das Isol anstrebt, da es sie an alte Bilderbücher erinnert, die ihr in der Kindheit ihre Großmutter geschenkt hat: ”Sie waren abgenutzt und vergilbt. Ich nutze gern ein etwas verblichenes Gelb für ein ähnliches Gefühl der Zeitlosigkeit und setze anschließend mit ein oder zwei leuchtenderen Farben Akzente”, erklärt sie.

Isol betont häufig, dass es ihr beim Gesamteindruck eines Buchs besonders auf die Technik ankommt. Ihrer Ansicht nach transportiert sie erzählerische Momente. Sie ist sich voll bewusst, dass ihre Ästhetik einen hohen Wiedererkennungswert aufweist und sich dennoch schwer einordnen lässt. Sie gründet sich auf das Fundament einer bewussten Entscheidung, bei der die Zeichnung als kraftvolles Werkzeug das ausdrückt, was sich nicht auf andere Weise gestalten lässt. Die persönliche Gestaltung vermittelt den Eindruck des Selbstgemachten - egal, ob es um grafische Ausdrucksformen oder wie in Pantuflas de perrito (2009) um eine Kombination aus Kugelschreiber, Papierfusseln bzw. Schmutz handelt.

Farbmäßig weicht Tic Tac (2002) von der Skala ab, die sie meistens einsetzt. Dabei handelt es sich um die erste Bilderbuchzusammenarbeit mit dem Autor Jorge Luján. In diesem Gedicht von Luján will ein kleiner Junge wissen, wie sehr seine Mutter ihn liebt. ”Hier wurde ich nahezu zur Fauvistin”, erzählt Isol. In einem viele Jahre später gegebenen Interview verweist sie auf "die klare rote Farbe, mit der die Konturen gezeichnet sind und die die anderen Farben geradezu zum Vibrieren bringen. [...] Eigentlich will ich, dass die Konturfarbe den Solopart im Bild übernimmt. Sie ist es, die hauptsächlich den Bildausdruck bestimmen soll. Dafür brauche ich Farben, die dies vermögen.” Für Tic Tac wurde sie in 2003 in Bratislava mit dem Golden Apple ausgezeichnet.

Charakteristisch für Isol ist ihre besondere Fähigkeit, Perspektiven ästhetisch und inhaltlich zu erweitern sowie zu wenden. In den größeren gemeinsamen Werken mit Jorge Luján, Mi cuerpo y yo und Ser y Parecer (2005), geht sie mit psychologischen und philosophischen Fragestellungen in komplizierten Sachverhalten kühn, spielerisch und visionär um. Alles wird knapp, aber sehr vielsagend ausgedrückt: ”Sie verliehen mir Flügel, damit ich eine Art kunstbildartige Bücher erschaffen konnte. Die Geschichte musste nicht in Bildern erzählt werden, sondern ließ mich selbst als Dichterin fühlen!”

Ein anderes Beispiel für die Zusammenarbeit von Isol mit Jorge Luján ist Numeralia (2007). Ein Buch, das sich eines scheinbar einfachen Themas annimmt, der Darstellung der Zahlen von eins bis zehn. Doch dabei wird ein Kaleidoskop visueller und ideenreicher Möglichkeiten eröffnet. In Pantuflas de perrito, das auf Gedichten von Jorge Luján beruht, wird die Sehnsucht eines Kindes nach einem Haustier zum Streicheln beschrieben. Die Texte im letzteren Buch sind durch eine Internetzusammenarbeit mit mexikanischen und argentinischen Kindern entstanden.

Eines ihrer bekanntesten Werke ist die grafische Umsetzung von Paul Austers Weihnachtserzählung El cuento de Auggie Wren (2003) bei der sie Szenen in einer dreidimensionalen Collage aus Zeichnungen, Objekten und Fotos in einem stark suggestiven, theatralischen Stil entwirft. ”Dieser Text war fertig und enthielt alle psychologischen Details. Ich besaß die Freiheit, meine Bilder an anderen erzählerischen Linien auszurichten”, berichtete Isol.

Die Bilderzählungen reduzieren nicht das Problem und bewirken keine Schönfärbung der Wirklichkeit. Sie können drastisch und erschütternd sein, verschaffen dem Leser jedoch Einsichten und ermutigen ihn zu eigenen kühnen Gedanken. Sie erschafft offene Erzählungen, die auf unterschiedliche Weise interpretiert werden können. Jede Geschichte erfordert eine individuelle Inszenierung. Daher - so Isol - wechselt der Stil oftmals zwischen den Büchern. Ihre Arbeitsweise wirkt scheinbar einfach, was sich nicht zuletzt in der Ausformung der Figuren niederschlägt. Ihre Größe als Bilderbucherzählerin kommt im Gesamterlebnis zum Ausdruck, das durch Dramaturgie, Einführung in das jeweilige Werk und die Farbwahl erzeugt wird. Uns beeindrucken die häufig wiederkehrenden Doppelkonturen, die Intensität der Linienführung sowie das Zusammenspiel mit entweder Farbflächen oder einem Weißraum auf dem Papier.

Bei einem etwas anderen Projekt, an dem Isol beteiligt war, erzählen verschiedene Künstler in Kinderbuchform von ihrem argentinischen Tango. Isol entschied sich dabei für die Visualisierung eines Tangos von Reginaldo Yiso. Dabei entstand das Bilderbuch El bazar de los juguetes (2009) - ein bildschönes und etwas geheimnisvolles Werk über die Erfüllung von Wünschen und heimliche Träume.

Mit ihrer kreativen Energie sucht sie nach neuen Formaten für das Medium Buch. Ein Beispiel dafür ist Tener un patito es útil (2007), ein Buch für kleine Kinder in einer überraschenden doppelt erzählten Ausklappform, die die Erzählperspektive auf den Kopf stellt. Nocturno (2011), eines ihrer jüngeren Werke, ist mit fluoreszierender Farbe gedruckt und dient als abendliche Bettlektüre und damit als Portal zu nächtlichen Träumen.

Auf die Frage, warum sie Bilderbücher für Kinder verfasst - wobei sie selbst nicht ganz sicher ist, ob dies auch zutrifft - lautet ihre Antwort: ”Ich bin eine Erwachsene und mag diese Art von Büchern. Mir gefällt, dass sie keinen Zeigefinger erheben, dass sie eine offene Form und Bedeutung besitzen, dass zwischen Text und Bildern ein Dialog besteht, der bisweilen paradox oder unkonventionell sein kann. Das gilt nicht nur für meine Bücher. Ich mag alle gut gemachten Bilderbücher. Mein ganzes Leben lang habe ich sie verschlungen. Das Prädikat 'Für Kinder', wenn etwas schlecht gemacht ist, sagt mir ganz und gar nicht zu. So etwas geht mir gegen den Strich. Die Beschäftigung mit der Kindheit, die diesen besonderen Lebensabschnitt wiederentstehen lässt, bündelt eine unheimliche Kraft.”

Isol zählt mittlerweile zu den wichtigsten Bilderbuchautorinnen Lateinamerikas. Ihre rund 20 Werke sind in mindestens ebenso vielen Ländern erschienen. Neben ihrer glänzenden "Bilderbuchkarriere" ist sie ebenfalls bekannt als Sängerin des Electropop-Duos Isol/Zypce, zu dem auch ihr Bruder Federico gehört. Außerdem ist sie Mitglied des Barockensembles The Excuse. Darüber hinaus hat sie zusammen mit der amerikanischen Band Alsace Lorraine ein Album aufgenommen (Dark One, 2007). Von 2000 bis 2005 hat sie an mehreren Produktionen der argentinischen Band Entre Rios mitgewirkt.

Quelle: alma.se